© Alejandra López
Wie würden Sie das Thema der Grenzländersaga kurz umreißen?
L.Bodoc: Die Grenzländersaga erzählt von der kriegerischen, aber auch philosophischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auseinandersetzung zwischen zwei Weltanschauungen: Die eine steht für Verschiedenheit, Freiheit und Respekt vor der Natur, die andere setzt auf Uniformität, Sklaverei und Ausbeutung. In diesem Kontext entwickeln sich Liebschaften, Verrat, Kriege und andere genretypische und magische Themen, die auf der Ideenwelt der Mapuche, Azteken und Mayas sowie auf Büchern wie dem Popol Vuh beruhen. Außerdem gibt es noch phantastische Wesen wie die Fische-Frauen oder die Lulus mit ihren leuchtenden Schwänzen.
Sie werden immer wieder auf J.R.R. Tolkien angesprochen. Lassen sich Ihr Werk und Der Herr der Ringe vergleichen?
L.Bodoc: Tolkiens Epos ist in einer entgegengesetzten Realität verankert, es ist ein europäisches Epos, eurozentrisch und monarchistisch. Sein Werk und meines verkörpern zwei unterschiedliche Weltbilder: Tolkien schreibt aus der Sicht der Mächtigen, ich vom Standpunkt der Unterworfenen.
Sie haben lange Zeit für die Grenzländersaga recherchiert. Warum?
L.Bodoc: Ich habe die Tagebücher von Kolumbus, Briefe von Hernán Cortés, Geschichtsbücher und Chroniken gelesen, genauso wie das heilige Buch der Quiché-Mayas, das Popol Vuh, Gedichte von Nezahualcóyotl, einem mexikanischen König. So war ich mit ausreichend Informationen eingedeckt und konnte eine eigene Welt erschaffen. Ich wollte einen Ausgleich zwischen Intuition und Rationalität finden, zwischen Phantasie und Realität. Die Leser sollten einen Eindruck von der Zeit vor der Entdeckung Amerikas bekommen, ohne daß sie das Gefühl haben, ein Geschichtsbuch zu lesen. Ich wollte glaubwürdige, überzeugende Orte schaffen und fand es daher sehr wichtig, all diese Dokumente zu lesen.
In welchen Bereichen der Grenzländersaga haben Sie sich besonders stark auf die Realität bezogen?
L.Bodoc: Die Referenz auf die Kulturen der Ureinwohner findet man in den alltäglichen Details: in den Waffen, die die Figuren benutzen, der Nahrung, der Kleidung, in den Feste, in den Gifte und auch in allgemeinen Dingen wie der engen Verbindung von Magie und Natur. Für die indigene Bevölkerung Lateinamerikas ist die Magie eine Form von Erkenntnis, die erlaubt, Menschen, Phänomene zu verstehen. Und wo Verständnis ist, kann es auch Veränderung geben. Alles hängt mit allem zusammen, was einem Einzelnen geschieht, hat Auswirkungen auf alle. Die Erdzauberer in der Saga ähneln Schamanen.
Die Art, die Zeit zu verstehen und wiederzugeben, ist aus dem Kalender der Maya entnommen. Sie unterschieden zwischen Sonnenzeit und magischer Zeit, beide treffen sich alle 52 Sonnenjahre oder 73 magischen Jahre.
Die Erinnerung an Vergangenes aufrechtzuerhalten, findet man z.B. in Dulkancellins Familie wieder. Sie hat eine Kiste, in der sie Gegenstände aufbewahrt, die repräsentativ für alle wichtigen Erinnerungen sind. Und die Zitzahay haben ihre Geschichte mit Blut auf Leder geschrieben, genauso wie die Mapuches und die Mayas.
Unterscheidet sich Ihre Magie von der im Herrn der Ringe?
L.Bodoc: Ja, bei mir gibt es keinen übermächtigen Magier, der alle Probleme der Menschheit lösen muß und kann. In der Saga arbeiten die Weisen mit allen Kreaturen zusammen. Sie irren sich, sie zweifeln und beide lernen voneinander und miteinander. Kupuka ist kein Zauberer im Stile Merlins, er ist ein Schamane: ein bißchen Arzt, ein bißchen Hexer, ein bißchen Krieger, ein bißchen Poet.
Auch die Schlacht gegen den Ewigen Haß ist ein kollektiver Akt.
L.Bodoc: Ja, bei Tolkien gibt es zwei oder drei Figuren, die allen anderen voraus sind und den Rest der Gruppe leiten. In der Grenzländersaga arbeiten alle Hand in Hand. Es ist sogar so, daß im ersten Teil einer der Helden stirbt und die Schlacht geht trotzdem weiter. In den Kulturen, in denen der Tod als etwas angesehen ist, was zu einem großen Ganzen gehört, wird er auch anders aufgenommen.
(Zusammengestellt aus verschiedenen Interviews in El País/Babelia, Clarín und Página/12. Übersetzt von Jette Heger)